Der Geneva Policy Outlook 2023: Editorial

Der Geneva Policy Outlook ist ein Startup, das zukunftsweisende Erkenntnisse nutzt, um die Zusammenarbeit und Problemlösung bei kritischen Fragen der globalen Governance zu fördern. Es entstand aus einem gemeinsamen Gefühl der Dringlichkeit, die Anpassung an den Wandel angesichts der demografischen Veränderungen, des Klimawandels und Umweltzerstörung, der Geopolitik und der bahnbrechenden technologischen Revolutionen zu skalieren und zu beschleunigen. In diesem Kontext der radikalen Unsicherheit möchte der Geneva Policy Outlook nuancierte und gleichzeitig praktische und vorausschauende Perspektiven entwickeln, um zur Bewältigung der globalen Herausforderungen beizutragen.

Für die Erstellung des Geneva Policy Outlook 2023 brachten wir strategische DenkerInnen mit Menschen aus der Praxis zusammen, die unter anderem auf das Fachwissen und die globalen Netzwerke des Geneva Graduate Institute zurückgreifen können. Die Beiträge zum Geneva Policy Outlook 2023 entstanden organisch aus diesem kollektiven Reflexionsprozess, der sich in seiner Pilotphase auf die Anpassung des internationalen Genfs an die sich verändernden Weltordnungen konzentrierte. Mit „internationales Genf“ bezeichnen wir einerseits die vielen in Genf ansässigen AkteurInnen, die sich mit globalen Herausforderungen befassen, und andererseits eine Arbeitsweise, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass Probleme und Differenzen durch Dialog und Verhandlungen gelöst werden, sei das in Bezug auf aktuelle Herausforderungen oder bei der Gestaltung der Zukunft.

Das Ergebnis ist eine neue digitale Publikation, die den Finger auf den Puls des Politikraums des internationalen Genfs legt, indem sie eine antizipatorische Logik anwendet - das heisst, wie unser aktuelles Wissen über die Zukunft unser Verhalten und unsere Entscheidungen heute beeinflussen sollte. In Anbetracht der grossen Anzahl der Themen die in Genf behandelt werden und der kurzen Produktionszeit für diese Erstausgabe, konnten wir nicht alle Themen vollständig abdecken, aber wir werden uns bemühen, sie in den zukünftigen Ausgaben soweit wie möglich zu behandeln.

Mut zum Wandel finden

„Wir beabsichtigen, ein Narrativ zu schärfen, das über das „business as usual“ hinausgeht und unterstreichen, dass das internationale Genf viel Mut zum Wandel braucht, wenn es auch in Zukunft eine relevante Drehscheibe der globalen Governance bleiben möchte.“

Bei der Erstellung des Geneva Policy Outlook 2023 haben wir versucht, aus unserer eigenen „Genfer Bubble“ herauszutreten und verschiedene Perspektiven und Weltanschauungen zu berücksichtigen. Wir beabsichtigen, ein Narrativ zu schärfen, das über das „business as usual“ hinausgeht und unterstreichen, dass das internationale Genf viel Mut zum Wandel braucht, wenn es auch in Zukunft eine relevante Drehscheibe der globalen Governance bleiben möchte. In diesem Zusammenhang unterstreicht Marie-Laure Salles die Bedeutung von Mut als entscheidende Voraussetzung für den Umgang mit Klimawandel, Massenvernichtungswaffen und dem transhumanistischen Projekt. Diese existenziellen Bedrohungen für die Menschheit sind real und erfordern eine Umstellung auf eine Logik, bei der die Regeneration „planmässig der Kern all unserer Systeme darstellt – und zwar der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen, technologischen und geopolitischen Systeme“. Mutig zu sein kann bedeuten, bereit zu sein „aktiv zuzuhören“ und „Risiken einzugehen, um Ideen abseits üblicher Denkschemen und innovative Lösungen selbst unter dem gewaltigen Druck des Alltags zu hegen und zu pflegen“.

Multilaterale Verhandlungen über globale Herausforderungen vorantreiben

Diesem Aufruf zum Mut folgend, legt der Geneva Policy Outlook 2023 zunächst dar, welche Herausforderungen in den wichtigsten multilateralen Verhandlungen anstehen und wie bei ihnen Fortschritte erzielt werden könnten. Suerie Moon hebt die Wichtigkeit der bevorstehenden Pandemieabkommensverhandlungen hervor: Sie werden die Zukunft des globalen Gesundheitswesens bestimmen und darüber entscheiden, wie die Welt die Frage des gleichberechtigten Zugangs zu Impfstoffen und anderen Gesundheitstechnologien angehen wird. Moon zeigt die wichtigsten Themen für die Verhandlungen im Jahr 2023 auf und weist darauf hin, dass das Wachstum der globalen Gesundheitssektors in Genf seinen Höhepunkt erreicht haben könnte, da viele Regierungen sich mittlerweile mit anderen dringenden internationalen und nationalen Prioritäten beschäftigen.

James Revill und Manon Blancafort betonen, dass nach der 9. Überprüfungskonferenz der Biowaffenkonvention Impulse gesetzt werden könnten, um die Gesundheits- und Abrüstungsgemeinschaften besser miteinander zu verbinden, insbesondere bei der Bewertung des Einsatzes biologischer Waffen. Die wichtigsten Themen für 2023 sind Initiativen zur biologischen Sicherheit, zur Biosicherheit in Labors und zur Überwachung von Forschung mit doppeltem Verwendungszweck sowie die Frage, wie diese durch eine breitere Rahmenvereinbarung für die Biosicherheitsgovernance angegangen werden könnten.

Giacomo Persi Paoli stellt die Hindernisse für Verhandlungen innerhalb der Expertengruppe zu autonomen tödlichen Waffensystemen vor. Dazu gehören die Geschwindigkeit des technologischen Wandels, der Widerstand gegen Veränderungen und die Sprache, um einen bestimmten diplomatischen Errungenschaften zu wahren, sowie auch geopolitische Entwicklungen. Die Delegationen haben jedoch qualitativ hochwertige Vorschläge unterbreitet, und es kristallisieren sich erste Konvergenzbereiche bei der Anwendung des humanitären Völkerrechts heraus.

In einem anderen Bereich der multilateralen Verhandlungen verweist Sonia Peña auf die wichtigen Massnahmen im Anschluss an das Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework (GBF), das im vergangenen Dezember vereinbart wurde. „2023 [müssen wir] das Blatt wenden [...], die festgefahrenen nationalen Positionen, die die Verhandlungen geprägt haben, hinter uns lassen und zügig zur Umsetzung übergehen [...].“ Um die Biodiversitätsziele bis 2030 zu erreichen, sollten sich die wichtigsten Massnahmen auf die Sicherstellung nachhaltiger finanzieller Ressourcen und die sektorübergreifende Beteiligung an der Umsetzung des GBF konzentrieren.

Manuel Marques Pereira und Ileana Sinziana Puscas betonen, dass mehrere Länder dieses Jahr Lösungen für umweltbedingte Migration vorantreiben könnten, da es bereits Erkenntnisse darüber gibt, wie der Klimawandel die globalen Migrationsmuster beeinflussen wird. Angesichts der deutlichen Dynamik, des politischen Bewusstseins und der vielversprechenden regionalen und nationalen Bemühungen zum Thema klimabedingte Migration könnte 2023 eine zunehmende Institutionalisierung dieser Dimension innerhalb der globalen Migrationsagenda erfolgen. Es gibt Gestaltungsbedarf bei der politische Kohärenz und der Systematisierung von Initiativen, aber auch bei bereichsübergreifende Zusammenarbeit zwischen den Bereichen Migration, Menschenrechte und Klimawandel.

2023 wird auch ein wichtiges Jahr für den internationalen Handel sein, da die Welthandelsorganisation (WTO) eine ehrgeizige Reform in Angriff nehmen wird. Dmitry Grozoubinski zeigt die Bandbreite der Themen auf, die auf dem Spiel stehen - von neuen oder aktualisierten Regeln zu Zöllen, Subventionen und diskriminierenden Vorschriften bis hin zur Zukunft der Streitbeilegung und der Frage plurilateraler Abkommen. Die HauptakteurInnen sind gespalten und es gibt keine Einigung über die Rolle der Zivilgesellschaft oder des Privatsektors im WTO-Reformprozess. Er unterstreicht, dass diejenigen, die an einer Vision für „ein vertrauenswürdiges multilaterales Diskussionsforum mit transparenten Verfahren zur öffentlichen Darlegung von Beschwerden und Beilegung von Disputen“ interessiert sind, ihre Stimmen erheben sollten.

Die Diplomatie für eine multiplexe Welt neu erfinden

„Der Geneva Policy Outlook 2023 betont die anhaltende Relevanz multilateraler Verhandlungen für die langfristige Bewältigung gemeinsamer Herausforderungen. Im gegenwärtigen Zeitalter des raschen Wandels ist jedoch eine noch stärkere Verbindung zu den Erkenntnissen und Erfahrungen ausserhalb der formalen diplomatischen Welt von Regierungen wichtig, um den Wandel in einer multiplexen Welt.“

Anhand von Beispielen aus den Bereichen Gesundheit, Abrüstung, Umwelt, Migration und Handel unterstreicht der Geneva Policy Outlook 2023 die anhaltende Relevanz multilateraler Verhandlungen für die langfristige Bewältigung gemeinsamer Herausforderungen. Im gegenwärtigen Zeitalter des raschen Wandels ist jedoch eine noch stärkere Verbindung zu den Erkenntnissen und Erfahrungen ausserhalb der formalen diplomatischen Welt von Regierungen wichtig, um den Wandel in einer multiplexen Welt (dies bezieht sich auf das sich abzeichnende Zeitalter einer stärker fragmentierten globalen Governance nach dem amerikanischen Jahrhundert, das durch eine immer stärkere Streuung der Macht zwischen Staat, Privatsektor und gesellschaftlichen Akteuren gekennzeichnet ist) zu beschleunigen und auszubauen. In diesem Kontext des Wandels argumentieren Peter Maurer und Mohammed Mahmoud Ould Mohamedou, dass es an der Zeit sei, eine neue Konzeptualisierung der Diplomatie voranzutreiben, die die konventionellen Weisheiten über ihren Zweck, die AkteurInnen, die an ihr teilnehmen können, und ihre Endziele widerlegt. Die Diplomatie sollte als Vermittlerin von Massnahmen und Dialogen in einer immer komplexer werdenden Welt neu erfunden werden.

Der Geneva Policy Outlook 2023 zeigt mehrere Bereiche auf, in denen ein solcher neuartiger Ansatz der Diplomatie bereits gut funktioniert oder in diesem Jahr verstärkt werden könnte. Mark Zeitoun, Christian Bréthaut und Caroline Pellaton zeigen Möglichkeiten auf, die Wasser-Friedens-Diplomatie für die Zusammenarbeit in Konfliktzeiten und als Instrument der Deeskalation zu stärken. Ein wichtiger Moment ist die Konferenz der Internationalen Aktionsdekade der UN im März 2023 in New York, die das Konzept „Wasser für den Frieden“ als neue Form der Diplomatie voranbringen könnte.

Gabriel Gomes Couto plädiert für die ‚Earth Diplomacy‘ als eine neue Form der Diplomatie, mit der Klimalösungen in den Regionen, die sie am dringendsten benötigen, beschleunigt und ausgeweitet werden können. Der Ansatz baut auf den operativen Erfahrungen der nicht-öffentlichen Diplomatie auf, einer Praxis der Friedensmediation, die sich auf diskrete Beziehungen zu schwer erreichbaren, aber mächtigen AkteurInnen konzentriert.

Dawid Bastiat-Jarosz betont die Möglichkeiten des Einsatzes nachhaltiger Finanzmittel als Motor für einen Systemwandel zur Erreichung der Kohlenstoffneutralität und die Nutzung der EU-Taxonomie-Verordnung über nachhaltiges Handeln, um Anreize für Veränderungen zu schaffen. Die EU-Taxonomie ist das Rückgrat mehrerer Rechtsakte, die darauf abzielen, Investitionen zur Reduzierung der CO2-Emissionen bis 2030 zu fördern und bis 2050 CO2-Neutralität zu erreichen. Sie wird Unternehmen, Vermögensverwalter und Banken verpflichten, „zu berichten, wie nachhaltig ihre Finanzprodukte und Kreditportfolios sind“ und dazu beitragen, Anreize für Investitionen zu schaffen, die mit dem EU Green Deal in Einklang stehen. Die Wirkung dieser Bemühungen beschränkt sich jedoch nicht nur auf die EU, sondern wird eine breitere globale Wirkung haben.

Eine neue Diplomatie für eine Multiplex-Welt erfordert auch neue Wege, um einen systemischen Wandel zu erreichen. Im Fall der Ernährungssicherheit unterstreicht Dominique Burgeon die Bedeutung der Umgestaltung der Agrar- und Ernährungssysteme angesichts der vielfältigen Auswirkungen des Klimawandels, Pandemien und in jüngerer Zeit des Russland-Ukraine-Krieges. Diese interagieren mit den „bestehenden Gefährdungen und Schocks [und] brachte [...] viele Menschen an den Rand ihrer Existenz“. Die Arbeit an effizienteren, integrativeren, widerstandsfähigeren und nachhaltigeren Agrarlebensmittelsystemen im Jahr 2023 könnte zu einer besseren Produktion und Ernährung, einer besseren Umwelt und einem besseren Leben führen, das niemanden zurücklässt.

Eunsoo Lee und Moira V. Faul unterstreichen die Rolle von Genf bei Veränderungen in der verstrickten Governance und Finanzierung von Bildung und Entwicklung – und mögliche strategische Reaktionen darauf. Die Gewährleistung der Relevanz des internationalen Genfs im Kontext dieser Veränderungen erfordert eine neue strategische Diplomatie, vernetzte Zusammenarbeit und Austausch über mehrere SDGs hinweg, unterstützt durch aktives Zuhören, insbesondere für diejenigen, die am stärksten von den in Genf getroffenen Entscheidungen betroffen sind.

Diese Bereiche der Multi-Stakeholder-Diplomatie machen deutlich, wie sehr sich die Diplomatie verändert und wie der „klassische“ regierungsgeführte Multilateralismus durch eine flexiblere Arbeitsweise ergänzt werden kann, um spezifische Probleme zu lösen und die Zusammenarbeit in Zeiten der Unsicherheit zu fördern.

Bewältigung von Kriegsfolgen

Vor dem Hintergrund des aktuelle Russland-Ukraine-Krieg untersucht der Geneva Policy Outlook 2023 zwei Wege, um die Folgen dieses Krieges in der Zukunft zu bewältigen.

Hugo Slim erinnert uns daran, dass der Grossmachtkonflikt als Form der Kriegsführung wieder stärker in den Vordergrund rückt, und schlägt vor, dass der globale Wirtschaftskrieg neuer Regeln bedarf. Er verweist auf den Grundsatz der globalen Vorsorge und die Ausnahme lebenswichtiger Güter bei Blockaden sowie auf die Verankerung dieser Politik im humanitären Völkerrecht und den internationalen Menschenrechtsnormen. Die Welt hat ein Interesse daran, die wirtschaftliche Kriegsführung möglichst bald zu regeln, denn „sollte es beim nächsten “grossen” Krieg zu einer Konfrontation zwischen China und den USA kommen, dann könnte eine globale wirtschaftliche Kriegsführung katastrophal werden“.

Peter Prove betont, dass die ökumenische Friedensarbeit in der Ukraine fortgesetzt wird, wobei die Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen, die in grössere Konfliktsituationen verwickelt sind, sich in einer Art „Track Two“-Verfahren zwischen den Kirchen engagieren. Trotz der Spannungen zwischen den Kirchen könnte die Religion ein Bindeglied für einen Frieden sein, der mehr ist als die blosse Abwesenheit von Konflikten.

Diese Artikel sind nur zwei Beispiele für ein breites Spektrum von Konfliktmanagement- und Konfliktlösungsaktivitäten, die im globalen politischen Raum von Genf entstanden sind. Sie betonen, wie das internationale Genf neue Formen der Diplomatie in einer vielschichtigeren Welt annimmt, einschliesslich hochgradig vernetzter Ansätze und der Fähigkeit, Ideen mit relevanten Akteuren zu verknüpfen, wie es bei der Schwarzmeer-Getreide-Initiative der Fall war.

Vorbereitung auf die Auswirkungen der technologischen Revolutionen

In der Welt der Cyberangriffe, des Hackings und der Suche nach Daten unterstreicht der Geneva Policy Outlook 2023, dass die sich entwickelnde Welt der Technologie agile, intelligente und kooperative Regelungen erfordert. Nach den Cyberangriffen auf das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) im Jahr 2022 betont Balthasar Staehelin, dass der humanitäre Sektor schneller handeln muss, um eine Mentalität des kollektiven Handelns zu entwickeln und das Risikobewusstsein in Bezug auf die Cybersicherheit zu verbessern. Um Vertrauen und operative Kontinuität zu gewährleisten, weist Staehelin auf das Bestreben des IKRK hin, ein „digitales Emblem“ zu schaffen, mit dem die gekennzeichnete Einrichtung im Cyberspace als Organisation erkennbar ist, die nach dem humanitären Völkerrecht besonderen Schutz geniesst und vor Schaden bewahrt werden muss.

Anne-Marie Buzatu bezeichnet digitale Daten als das „neue Gold“ und plädiert für den Aufbau von Aufsichts- und Steuerungssystemen für die digitale Wirtschaft, an denen mehrere Stakeholder beteiligt sind. Das kommende Jahr wird wichtig sein, um die demokratischen Konzepte des Schutzes der Privatsphäre und der Menschenrechte im weiteren Sinne auf den Markt der Informations- und Kommunikationstechnologien zu übertragen.

Jérôme Duberry weist darauf hin, dass ein ungehemmter Techno-Solutionismus ein kritisches Risiko für die Bewältigung globaler Herausforderungen darstellt. Deshalb sollten sich SozialwissenschaftlerInnen 2023 selbstbewusster gegen den Techno-Solutionismus zur Wehr setzen und damit beginnen, den doppelten Verwendungszweck der Entwicklungen in der Biotechnologie, den Neurowissenschaften und der künstlichen Intelligenz konkret zu thematisieren. Diejenigen, die bereit sind, Führungsrollen zu übernehmen, sollten dies angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich der Technologiesektor entwickelt, bald tun.

Implikationen für das internationale Genf

„Komplexität ist das neue „Kapital“ des internationalen Genfs. Ein gewisses Know-how, um diese Komplexität in etwas zu verwandeln, das für die Bewältigung der Herausforderungen des globalen Gemeinwohls auf operationeller Ebene wertvoll ist, wird das Herzstück von Genfs anhaltender Bedeutung als globale Plattform sein.“

Der Geneva Policy Outlook 2023 enthält 18 Artikel, die sich mit der Frage befassen, wie Genf als globaler Knotenpunkt in Zeiten radikaler Unsicherheiten relevant bleiben kann. Zusammengenommen unterstreichen sie mehrere Merkmale dieses globalen Hubs, die nicht unbedingt neu sind, aber angesichts der sich abzeichnenden Realitäten einer multiplexen Welt hervorgehoben werden sollten.

Ein erstes Thema ist die anhaltende Bedeutung multilateraler Foren für die Bewältigung globaler Herausforderungen wie Klimawandel, Pandemien, Massenvernichtungswaffen, biologische Vielfalt, Migration oder Kriege. In der entstehenden multiplexen Welt wird es jedoch immer dringlicher, diese Prozesse mit mehr Beteiligten und ergänzenden Initiativen zu verbinden, die operativ schneller vorankommen können. Das Zusammenspiel zwischen den traditionelleren multilateralen Verhandlungen und den agileren und inklusiveren Ansätzen (in dieser Ausgabe als Wasser-Friedens-Diplomatie oder Earth Diplomacy bezeichnet) zu moderieren wird wahrscheinlich ein wichtiges Tätigkeitsfeld für das internationale Genf werden. Es gibt weitere Möglichkeiten, diese Rollen am Rande der Hunderten von Meetings zu übernehmen, die 2023 in Genf stattfinden werden (siehe den Kalender des internationalen Genfs). Als Teil dieser Moderation wird es für Genf auch von entscheidender Bedeutung sein, auf dem Laufenden darüber zu bleiben, was in anderen Knotenpunkten geschieht, die sich mit Fragen der globalen Gemeingüter befassen, wie ich an anderer Stelle dargelegt habe.

Ein weiterer roter Faden, der sich durch die diesjährige Ausgabe zieht, ist die Notwendigkeit von Ansätzten, wie man die verschiedene Fach- und Praxisbereiche miteinander verbinden kann. Die Tatsache, dass so viele dieser Bereiche in ein und demselben institutionellen Ökosystem existieren, ist ein einzigartiges Merkmal des internationalen Genfs und bildet den Kern seines relativen Vorteils als Vermittlerin von Kooperationspartnerschaften zwischen Institutionen und Sektoren. Die Tatsache, dass Genf vielfältig ist, ist natürlich nicht neu und überraschend, aber der Geneva Policy Outlook 2023 macht deutlich, dass die Nutzung dieser Vielfalt für neue bereichsübergreifende Antworten auf aktuelle und künftige globale Herausforderungen immer dringlicher wird, ebenso wie die Geschwindigkeit und der Umfang, in dem sie umgesetzt werden können.

Damit verbunden ist die Beobachtung, dass diese Vielfalt auch als Feld für Experimente zur Problemlösung für das internationale Genf von zentraler Bedeutung ist. Die AkteurInnen in der Stadt können auf eine erkenntnisbasierte Methode aufbauen, die Ideen oder Erfahrungen aus spezifischen Kontexten herauslöst und sie zu neuen Ideen oder Prozessen verbindet, die an den jeweiligen Kontext, in dem sie zum Einsatz kommen soll, angepasst sind. Für den täglichen Austausch im internationalen Genf bedeutet dies, dass weiterhin Räume für Dialog und Zusammenarbeit unterstützt werden müssen, wie z.B. die 17 „Genfer Plattformen“, der Geneva Science and Diplomacy Anticipator oder die Bewegung Building Bridges.

Daraus ergibt sich, dass Komplexität das neue „Kapital“ des internationalen Genfs sein wird. Ein gewisses Know-how, um diese Komplexität in etwas zu verwandeln, das für die Bewältigung der Herausforderungen des globalen Gemeinwohls auf operationeller Ebene wertvoll ist, wird das Herzstück von Genfs anhaltender Bedeutung als globale Plattform sein.

Danksagungen

Der Geneva Policy Outlook ist eine Partnerschaft zwischen dem Kanton Genf, der Stadt Genf, der Fondation pour Genève und dem Geneva Graduate Institute. In erster Linie möchte der Geneva Policy Outlook diesen PartnerInnen für ihre Unterstützung der integrierten Strategie der Gemeinschaftsbildung und des strategischen Wissensmanagements danken.

Eine besondere Anerkennung gebührt dem Team des Geneva Policy Outlook, das diese Pilotausgabe und die dazugehörige digitale Infrastruktur in nur fünf Monaten erstellt hat. Ich danke Gabriel Gomes Couto, Léna Menge, Swetha Ramachandran und Xinyu Yuan für ihren Einsatz, der weit über das übliche Mass hinausgeht. Ich möchte auch allen AutorInnen für die Einhaltung der knappen Fristen danken, sowie Maëlys Glück und Flavia Keller für die sprachliche Bearbeitung der französischen bzw. deutschen Fassung und Besarta Kastrati für die allgemeine Unterstützung des Projekts. Besonderer Dank gilt auch dem Team von Swisslinguists, Language Services für ihre Übersetzungsdienste, die unser Engagement für Mehrsprachigkeit ermöglicht haben.

Ein grosses Dankeschön geht auch an die Gemeinschaft, die hinter dem Geneva Policy Outlook steht. Wir möchten allen Kolleginnen und Kollegen für ihre Zeit und ihren Einblick danken, darunter Andrea Aeby, Heba Aly, Anamaria Bejar, Dominique Burgeon, Gilles Carbonnier, Mark Cassayre, Andrew Clapham, Olivier Coutau, Isabel De Sola, Daniel De Torres, Paola Deda, Alexandre Epalle, Alexandre Fasel, Beatrice Ferrari, Robin Geiss, Joëlle Germanier, Keith Krause, Jürg Lauber, Peter Maurer, Corinne Momal-Vanian, Suerie Moon, Alexandre Munafò, Maika Oshikawa, Peter Prove, Hiba Qasas, Anne de Riedmatten, Amjad Mohamed Saleem, Marie-Laure Salles, Ole von Uexkull, Agi Veres, Charlotte Warakaulle, Christophe Weber, Samir Yeddes und Céline Yvon.


Über den Herausgeber

Dr. Achim Wennmann ist Leiter für strategische Partnerschaften am Geneva Graduate Institute. Er kann auf eine lange Reihe von Veröffentlichungen zur Dynamik von Gewaltkonflikten, Friedensprozessen und politischen Übergängen sowie auf ein strategisches Management komplexer Projekte in den Bereichen Forschung, Politik und Praxis verweisen. Weitere Analysen zur Zukunft des internationalen Genf umfassen Platforms and International Geneva: Finding the Courage to Remain Relevant, und Humanitäre Hilfe und Friedensförderung: Innovation beim Engagement, in der Finanzierung und beim Recht (mit Gilles Carbonnier, in Eine Aussenpolitik für die Schweiz im 21. Jahrhundert).


Disclaimer

Alle Publikationen des Geneva Policy Outlook 2023 sind persönliche Beiträge der Autorinnen und Autoren und spiegeln nicht notwendigerweise die Ansichten der von ihnen vertretenen Institutionen oder der Republik und des Kantons Genf, der Stadt Genf, der Fondation pour Genève oder des Geneva Graduate Institute wider.